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Mercedes Benz UCI Mountainbike Weltcup in Albstadt

von Natascha Di Maria

Eine Leaderin mit Gespür für die Kollegen

Es spielt ein Lächeln um ihre Mundwinkel, die Augen kreisen für einen Moment und dann sagt sie leichtem Vibrieren in der Stimme: „Albstadt, das war unfassbar. Wenn ich zurückdenke, kann ich es manchmal immer noch nicht glauben.“  Als Yana Belomoina an diesem 28. Mai an der Zollernalb-Halle auf die Zielgerade einbog, schlug sie die Hände vors Gesicht und schüttelte dann den Kopf. Niemals hätte sie damit gerechnet, schon gar nicht, nachdem die Beine in den ersten zwei Runden gar nicht richtig arbeiten wollten.

Fünfte war sie in der Woche davor im tschechischen Nove Mesto. Das sei schon großartig gewesen und ein Top-Ten-Ergebnis in Deutschland eine Woche später vollkommen in Ordnung. So sei sie ins Rennen gegangen.

Es wurde nach einem höchst spannenden Rennen ein Triumph. Sie streifte das weiße Leaderjersey über und gab es nicht mehr her.

Damit hatte ihr Teamchef Bart Brentjens gerechnet, mit vielem anderen allerdings nicht. „Ein, zweimal Top-Fünf, das habe ich für möglich gehalten. Aber einen Sieg? Nein“, bekennt der Olympiasieger von 1996. Auch nicht, dass sie dem Albstadt-Erfolg in Andorra und dann in Mont Sainte Anne noch zwei Siege hinzufügen würde. „Aber, dass sie das weiße Jersey verteidigen wird, damit habe ich gerechnet. So ist Yana. Für sie geht es immer um den ersten Platz. Egal ob es ein großes oder ein kleines Rennen ist.“

Dafür, so erzählt der Niederländern aus über fünf Jahren gemeinsamer Arbeit in seinem Team CST Sandd American Eagle, würde sie „sehr professionell“ und „detailorientiert“ arbeiten. Und: „Sie sucht Fehler nie bei anderen, immer bei sich selbst.“

Belomoina hat auf Lehramt Sport studiert, wirkt reflektiert und bestimmt, wenn sie redet. Dennoch dringt da auch was Weiches, Sensibles durch, etwas das Respekt vor dem Gegenüber vermittelt.

Einfach war der Weg an die Weltspitze der Mountainbiker für die 25-Jährige nicht. Wo sie aufgewachsen ist, in Luzk, einer 200000 Einwohner zählenden Stadt, etwa 80 Kilometer vor der polnischen Grenze entfernt in der West-Ukraine, da gibt es keine Berge. Und es gab schon gar keine Mountainbike-Strecken mit Singletrails.  Daher fehlte ihr die Möglichkeit auf dem MTB das zu lernen, was man am besten in jungen Jahren lernt: Die Fahrtechnik.

Was es im gut zwei Stunden entfernten Lwiw gibt, ist eine Radrennbahn. Dort verbrachte

Yana Belomoina als Teenagerin die eine oder andere Trainingsstunde und fuhr – national erfolgreich – auch Rennen. Vor allen auf den Sprint-Distanzen war sie erfolgreich. Auf der Straße galt sie als gute Kletterin. Die besten Ergebnisse erzielte sie jedoch als Mountainbikerin.

Im Alter von elf Jahren hat sie mit dem Radsport begonnen, Sie hatte Judo betrieben, Tennis gespielt und getanzt, bevor sie im Alter von elf Jahren zum Radsport kam weil ihr Vater den Trainer im örtlichen Klub kannte. Erst mal aber nur spielerisch. Richtig gute Ergebnisse in Wettkämpfen kamen dann im Alter von 15, 16 Jahren, erzählt Yana Belomoina. Und als sie als Juniorin in einem nationalen MTB-Rennen das Damenfeld komplett ein- und überholte, da war auch dem Trainer klar: Das ist der Sport, in dem die zierliche junge Dame am meisten Chancen auf eine internationale Karriere haben würde.

2010 wurde sie bei den Juniorinnen Vize-Weltmeisterin, in vier U23-Jahren sammelte sie sieben Weltcupsiege in der Nachwuchs-Kategorie, das ist gemeinsam mit Olympiasiegerin Jenny Rissveds Rekord.

Sukzessive verbesserte sie sich auch fahrtechnisch, absolvierte Technik-Training mit einem slowenischen Downhiller. „Früher bin ich in Downhill-Passagen einfach gelaufen, weil ich Angst hatte“, bekennt sie. Auch heute noch, benötige sie länger als andere, um sich bestimmte Sektionen anzueignen. „Aber wenn ich dann sehe, dass es andere machen, dann traue ich mir das auch zu. Ich muss mich halt langsam herantasten“, sagt Belomoina.

Das und die Entscheidung im Winter die heimatliche Ukraine zu verlassen, wo es – nicht nur politisch, sondern auch wettertechnisch in dieser Jahreszeit ziemlich unwirtlich ist – war im vorigen Jahr vielleicht der Schlüssel zum großen Erfolg. 2017 war sie in der Türkei, jetzt sechs Wochen auf Zypern.

Dass sie seit 2013 im niederländischen Team von Bart Brentjens fährt, zahlt sich auch mehr und mehr aus. „Das hat mein Leben verändert“, sagt Belomoina. „Ich habe viel von Barts Erfahrung profitiert.“ Und inzwischen spielt sie mit einem verbesserten Englisch auch eine sehr prägende Rolle im Team. „Sie weiß genau was sie will und sie ist sehr gut organisiert. Aber sie ist ein Team-Player und hat ein feines Gespür für ihre Teamkollegen“, beschreibt Brentjens. Man könne sie durchaus als „Leader-Figur“ bezeichnen.  Vermutlich wird man sie als Solche auch mehr und mehr über das Team hinaus wahrnehmen.

Mit den Siegen ist bei Yana Belomoina natürlich auch das Selbstbewusstsein gewachsen. Und der Respekt der Konkurrenz vor ihr sowieso. Am Samstag hätte sie in Südafrika zu den Favoritinnen gehört, doch nach einer langwierigen Verletzung ist sie noch nicht so weit und will nichts riskieren. Auch zwei geplante Rennen auf Zypern hat sie kurzfristig gestrichen. „Der Körper sagt, er ist noch nicht bereit“, erklärt Belomoina . Auch wenn es ihr schwer fällt. So wartet sie mit dem Weltcup-Einstieg bis zum zweiten Runde in Deutschland  „Albstadt wird für mich immer was Besonderes sein“, sagt sie. Und die Augen rollen wieder im Kreis.

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